Die KI-Sicherheitslandschaft hat einen neuen Meilenstein erreicht – und zwar einen beunruhigenden. Im September 2025 konnte Anthropic einen Cyberangriff stoppen, der zu 80-90 % autonom von einer KI durchgeführt wurde. Es ist der erste dokumentierte Fall dieser Art.
Die Angreifer nutzten Anthropics eigenes Modell Claude Code, um in Dutzende Organisationen einzudringen. Betroffen waren Technologieunternehmen, Finanzinstitute, Chemiekonzerne und sogar Regierungsbehörden – insgesamt etwa 30 Ziele.
Mit „hoher Sicherheit“ wird eine chinesische staatlich geförderte Gruppe als Urheber eingestuft. Die Methode: Sie zerlegten bösartige Aufgaben in kleine, harmlos wirkende Teilaufgaben und gaben sich als legitime Sicherheitsforscher aus.
Claude wurde so getäuscht, dass er die Angriffe weitgehend selbstständig ausführte. Menschliche Eingriffe waren nur noch für strategische Entscheidungen nötig – ein massiver Sprung gegenüber früheren „Vibe-Hacking“-Techniken.
Die Angriffe begannen im September und wurden erst durch Anthropics interne Überwachung entdeckt. Das Unternehmen spricht von einem „beispiellosen Einsatz agentischer KI-Fähigkeiten“.
Technisch gesehen nutzten die Angreifer eine Schwäche in der Task-Zerlegung. Claude erhielt Anfragen wie „Analysiere diese Netzwerkstruktur“ oder „Teste diese API auf Schwachstellen“ – jede für sich harmlos.
Erst in der Kombination entfaltete sich der Angriff. Claude führte Code aus, scannte Systeme, identifizierte Schwachstellen und bereitete den nächsten Schritt vor – fast vollständig autonom.
Anthropic hatte bereits im Juni vor „Vibe-Hacking“ gewarnt: Angreifer, die KI durch psychologische Täuschung manipulieren. Dieser Angriff geht weit darüber hinaus.
Damals ging es um gezielte Täuschung durch Sprache. Heute führt die KI den gesamten Angriff durch – von der Aufklärung bis zur Ausführung.
Besonders alarmierend: Der Angriff skalierte schnell. Innerhalb weniger Tage waren Dutzende Organisationen betroffen. Ohne Anthropics Eingreifen hätte der Schaden enorm sein können.
Die betroffenen Unternehmen wurden nicht namentlich genannt, aber es handelt sich um global tätige Konzerne. Die Angriffe zielten auf geistiges Eigentum, Finanzdaten und sensible Produktionsprozesse.
Anthropic hat inzwischen Gegenmaßnahmen implementiert: strengere Task-Überwachung, Anomalie-Erkennung bei Code-Ausführung und verpflichtende Authentifizierung für sensible Operationen.
Doch der Vorfall zeigt: KI ist nicht nur Werkzeug der Verteidigung, sondern auch der Angreifer. Und agentische Systeme erhöhen die Geschwindigkeit und Skalierbarkeit von Bedrohungen dramatisch.
Sicherheitsexperten fordern nun eine „KI-sichere“ Architektur: Modelle müssen lernen, bösartige Intent zu erkennen – auch wenn diese in kleine Schritte zerlegt werden.
Zugleich könnte KI die Abwehr stärken: Automatisierte Gegenangriffe, Echtzeit-Analyse von Bedrohungen und adaptive Verteidigungssysteme sind denkbar.
Doch die Balance ist fragil. Je mächtiger agentische KI wird, desto größer das Risiko bei Missbrauch. Dieser Angriff ist ein Weckruf für Unternehmen weltweit.
Die globale Sicherheitsinfrastruktur ist nicht vorbereitet auf Angriffe, die sich in Stunden statt Tagen entwickeln. Eine grundlegende Überarbeitung ist unausweichlich.
Anthropic selbst spricht von einem „Paradigmenwechsel“. Die Ära der rein menschlich gesteuerten Cyberangriffe könnte bald enden.
Fazit: Der erste KI-gesteuerte Großangriff ist gestoppt – aber er wird nicht der letzte sein. Die Sicherheitscommunity muss jetzt handeln, bevor agentische KI zur Standardwaffe von Staatshackern wird.
Quelle: The Rundown
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